Dorfmusikanten im 19. Jahrhundert



Im Jahr 1806 stand für die Gemeinde Hüttisheim eine Zeitenwende an: die über 400-jährige Zugehörigkeit zum Kloster Wiblingen ging mit dessen Auflösung, erzwungen durch Napoleon, zu Ende. Die vorderösterreichische Zeit endete und die württembergische begann. Neben vielen negativen Dingen hatte dieser Übergang zumindest eine positive Folge: jetzt musste über alles Buch geführt werden.

So dauerte es nicht lange, bis auch Dorfmusiker mit ihren geringen Einnahmen irgendwo unterschreiben mussten oder sonstwie schriftlich erfasst wurden. Das Gemeinde- und das Pfarrarchiv liefern etwa ab 1820 erste Namen und Beispiele.

Der erste Hüttisheimer, der als Beruf „Musikant“ angab, war Johannes Schniertshauer. Er quittierte stellvertretend für mehrere Musikanten dem Kirchenpfleger im Jahr 1824, für Saiten einen Gulden erhalten zu haben. Er machte also Streichmusik, die neben dem Chorgesang bei besonderen Gelegenheiten auch in der Kirche zu hören war. Solche Abrechnungen sind aus späteren Jahren immer wieder erhalten, so dass man davon ausgehen kann, dass im 19. Jahrhundert in Hüttisheim musiziert wurde.

Das vor dem Gasthaus „Löwen“ um 1925 entstandene Bild ist der einzige Beleg für eine Hüttisheimer Musikgruppe mit Saiteninstrumenten.

Möglicherweise stammten die musikalischen Kenntnisse Schniertshauers aus dem Hüttisheimer Schulhaus, von dem vielgeschmähten Lehrer Johann Dornacher. Die Liebe zur Musik vererbte sich weiter in der Familie: Schniertshauers Urenkel ist der 1999 verstorbene Chordirigent und Organist Anton Schniertshauer.

Die musikalischen Kenntnisse, die Noten, die Instrumente, alles was dazugehörte zum Musik machen, wurde im 19. Jahrhundert – und auch noch weit ins 20. Jahrhundert hinein – innerhalb von einzelnen Familien weitergegeben, die in aller Regel zum ärmeren Teil der Bevölkerung gehörte.

Mit dem Zuzug des aus Rot bei Laupheim stammenden Wagners Stefan Binder, der über die Zwischenstation Humlangen im Jahr 1854 nach Hüttisheim kam und hier die Bürgerrechte erhielt, begann die Blasmusik im Dorf Fuß zu fassen. Die Familienkapelle Binder wurde zur Wurzel und Keimzelle des heutigen Musikvereins, das Jahr 1854 zum Ausgangsjahr der Blasmusik im Dorf – wenngleich es bis zum dem Verein in heutiger Form noch ein weiter Weg war.